Der Artikel „Wie findest du das?“ aus der POSITION # 05/2014 wurde von unserer Homepage genommen. Die darin enthaltene Darstellung der JAV des Uniklinikums Tübingen und ihrer Arbeit beinhaltete falsche Behauptungen, die die JAV ungerechtfertigt in ein schlechtes Licht stellen. Wir entschuldigen uns hiermit bei den Betroffenen.

4241511625_09204cb58bIm Folgenden dokumentieren wir einen Artikel aus der POSITION, dem Jugendmagazin der SDAJ.

Vor 100 Jahren brach der 1. Weltkrieg aus – was das mit dem Kapitalismus zu tun hatte, lernen wir in der Schule nicht.

Europa sei in den Krieg hineingeschlittert. Nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger sei es zu einer Verkettung unglücklicher Umstände gekommen. So richtig habe den ersten Weltkrieg niemand gewollt, außer vielleicht ein paar irren Militärs im deutschen Generalstab. Ungefähr so, das erklären uns viele Schulbücher und Fernsehdokus, sei es zum ersten Weltkrieg gekommen.

„Das Vaterland nicht im Stich lassen“
Die SPD-Fraktion im Reichstag erklärte am 4. August 1914:„Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecken feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen. Von diesen Grundsätzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.“„Neue, aufnahmefähige Absatzgebiete“
Der Schwerindustrielle August Thyssen beschrieb die Kriegsziele des deutschen Kapitals:

„Für das neue größere Deutschland wird sich die Notwendigkeit ergeben, für neue aufnahmefähige Absatzgebiete Sorge zu tragen. Diese gewaltige Aufgabe kann aber nur durch die Bildung eines großen mitteleuropäischen Zollvereins gelöst werden. Dieses Ziel wird sich nicht ohne Anwendung von Zwang erreichen lassen. Deutschland hat leider keine aufnahme- und entwicklungsfähigen Kolonien. Die Schaffung neuer aufnahmefähiger Absatzgebiete ergibt sich daher für Deutschland nach der Aufnahme der neuen industriereichen Gebiete (Anm.: durch Eroberungen) mit gebieterischer Notwendigkeit. Ein mitteleuropäischer Wirtschaftsbund, gestützt auf eine starke Flotte, würde nicht nur imstande sein, seine wirtschaftlichen Interessen auf dem Weltmarkte zu wahren, sondern auch eine sichere Gewährleistung für die dauernde Erhaltung des Friedens bieten können.“

„Die Dividenden steigen, die Proletarier fallen“
Rosa Luxemburg beschrieb 1916 in ihrer „Junius-Broschüre“ den Ausweg aus dem „Wahnwitz“:

„(Der Weltkrieg ist ein) tödlicher Streich gegen diejenige Kraft, die die Zukunft der Menschheit in ihrem Schoß trägt. Hier enthüllt der Kapitalismus seinen Totenschädel, hier verrät er, dass sein historisches Daseinsrecht verwirkt ist (…). Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen. Und mit jedem sinkt ein Kämpfer der Zukunft, ein Soldat der Revolution, ein Retter der Menschheit vom Joch des Kapitalismus ins Grab. Der Wahnwitz wird erst aufhören und der blutige Spuk der Hölle wird verschwinden, wenn die Arbeiter in Deutschland und Frankreich, in England und Rußland endlich aus ihrem Rausch erwachen, einander brüderlich die Hand reichen und den bestialischen Chorus der imperialistischen Kriegshetzer wie den heiseren Schrei der kapitalistischen Hyänen durch den alten mächtigen Schlachtruf der Arbeit überdonnern: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Krieg in der Luft

Das besagte Attentat auf Franz Ferdinand ereignete sich am 28. Juni 1914 im bosnischen Sarajevo. Österreich beschuldigte Serbien, dahinter zu stecken – die Regierung nutzte das Attentat, um seine Rechnungen mit dem serbischen Nationalismus zu begleichen und seine Machtposition in der Region zu sichern. Die österreichische Politik drängte Serbien gezielt in die Ecke und erklärte schließlich den Krieg. Es ist daher falsch zu glauben, das Attentat hätte eine Kette von Ereignissen zur Folge gehabt, die zwangsläufig zum Krieg führte. Der Krieg lag gewissermaßen schon in der Luft, als das Attentat den Anlass zum Losschlagen bot. Die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges ist geprägt von diplomatischen Spannungen und militärischen Konflikten zwischen den imperialistischen Mächten Europas. Auf dem Balkan und in Nordafrika, zwischen Deutschland und Frankreich und im Fernen Osten – überall stießen die gegensätzlichen Interessen der imperialistischen Mächte aufeinander.

Zu spät gekommen

Das Deutsche Reich hatte erst relativ spät damit begonnen, Kolonien zu „erwerben“. Der größte Teil Afrikas, Asiens und Südamerikas war Ende des 19. Jahrhunderts bereits unter den großen Kolonialmächten aufgeteilt. Deutschland war der zu spät gekommene Imperialismus. Umso aggressiver wollten diejenigen Kreise in Deutschland vorgehen, die an der Errichtung eines großen deutschen Kolonialreiches interessiert waren. Diese wirtschaftlichen Interessen wurden von einer gewaltigen Welle des Nationalismus flankiert, reihenweise wurden reaktionäre Verbände gegründet. Meist von den Großunternehmen finanziert, forderten sie Aufrüstung und Eroberungen. „Wir verlangen unseren Platz an der Sonne“ – so brachte der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt und spätere Reichskanzler von Bülow die Großmachtpolitik des deutschen Kapitals auf den Punkt.

Ein imperialistischer Krieg

Die deutsche Monopolbourgeoisie strebte ein großes zusammenhängendes Kolonialreich in Afrika an, wobei es vor allem um den Zugriff auf Bodenschätze ging. Außerdem war die Einverleibung der Bergbauregionen Belgiens ein wichtiges Kriegsziel. Darüber hinaus hegte man territoriale Ambitionen im östlichen Europa („Lebensraum“) und setzte sich – wie z.B. der Unternehmer August Thyssen – für die Schaffung eines großen mitteleuropäischen Zollvereins ein, um der deutschen Industrie den Absatz ihrer Produkte zu erleichtern. Die herrschenden Kreise in Deutschland betrachteten das britische Imperium als Hauptkonkurrenten des Deutschen Reiches. Vielen der verantwortlichen Politiker, Militärs und Industriellen war zwar bewusst, dass man England voraussichtlich militärisch nicht schlagen konnte. Aber sie hofften, die Briten zumindest so sehr zu schwächen, dass sie in Friedensverhandlungen zu Zugeständnissen bei der Neuverteilung einiger Kolonialgebiete gezwungen sein würden. Das war der Hintergrund, vor dem Lenin in seiner Imperialismus-Schrift klarmachte, dass „der Krieg von 1914 bis 1918 auf beiden Seiten ein imperialistischer Krieg (d.h. ein Eroberungskrieg, ein Raub- und Plünderungskrieg) war, ein Krieg um die Aufteilung der Welt, um die Verteilung und Neuverteilung der Kolonien, der ‚Einflusssphären‘ des Finanzkapitals usw.“

In der Minderheit

Der Erste Weltkrieg verschlechterte die ohnehin schwierige Lage der Arbeiterklasse noch zusätzlich. Während in den Heimatländern der Hunger wuchs, litten die Soldaten an der Front, die ja schließlich auch in erster Linie dem Proletariat entstammten, am täglichen Grauen des Krieges. Der Anblick verwundeter, verstümmelter oder getöteter Kameraden, die Ungewissheit hinsichtlich der Angehörigen sowie der eigenen Zukunft, das Feuer in den Schützengräben – all dies nagte an den Nerven und ließ die Frage aufkommen: Wozu das alles? Nicht wenige erkannten die Sinnlosigkeit ihres Tuns. So kam es etwa an Weihnachten 1914 an den Frontlinien zur massenhaften Verbrüderung von englischen, französischen und deutschen Soldaten – einem besonders schweren Fall von militärischem Ungehorsam also.

Nicht nur in Deutschland, sondern in nahezu allen europäischen Staaten stimmten die sozialdemokratischen Parteien dem Krieg zu. Allerdings wurden die Kriegsgegner in der SPD mit der Zeit zahlreicher. Sie sammelten sich in der „Gruppe Spartakus“ – unter ihnen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – und betrieben eine energische Antikriegsagitation. Allerdings gelang es ihnen nicht, die Mehrheit in der SPD zu erringen.

„Burgkrieg statt Burgfrieden!“

Der deutschen Sozialdemokratie kommt bei diesem historischen Versagen der Arbeiterbewegung eine besondere Bedeutung zu, da sie die stärkste Arbeiterpartei Europas war und ihr Schwenk auf Kriegskurs also die internationale Arbeiterbewegung besonders schwächte. Die SPD hatte einen „Burgfrieden“ mit der herrschenden Klasse geschlossen. Führende Sozialdemokraten vertraten die Ansicht, dass man den Krieg zwar nicht gewollt habe, nun aber, da der Krieg einmal da war, die „Verteidigung“ Deutschlands unterstützen müsse. Eine Niederlage, so meinte man, würde auch dem deutschen Proletariat schaden. Zu Recht wurde diese Position daher von Lenin und anderen KommunistInnen als „sozialchauvinistisch“ verurteilt. Damit ist gemeint, dass unter dem Mantel des Sozialismus tatsächlich der nationalistische, imperialistische Standpunkt eingenommen wird. Lenin vertrat hierbei die Ansicht, dass eine Niederlage bzw. eine Schwächung der bourgeoisen Regierungen der Arbeiterklasse nützlich sei. Ziel müsse es sein, so Lenin, den Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln und die Regierung zu stürzen. „In keinem Lande darf der Kampf gegen die eigene, am imperialistischen Krieg beteiligte Regierung vor der Möglichkeit haltmachen, dass dieses Land infolge der revolutionären Agitation eine Niederlage erleidet. Eine Niederlage der Regierungsarmee schwächt die betreffende Regierung, fördert die Befreiung der von ihr geknechteten Völkerschaften und erleichtert den Bürgerkrieg gegen die herrschende Klasse.“ Den antimilitaristischen Kräften in der Internationale war also klar, dass der Kampf für den Frieden gleichbedeutend war mit dem Kampf gegen die jeweils eigene Bourgeoisie.

Im eigenen Land

An diese Erkenntnisse anknüpfend gab Karl Liebknecht seine berühmte Losung aus: „Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land! Diesen Feind im eigenen Land gilt’s für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat anderer Länder.“ Der russischen Arbeiterklasse unter der Führung der Bolschewiki gelang es im November 1917, die bürgerliche Regierung zu stürzen, die Macht zu erobern und mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft zu beginnen. In anderen Ländern scheiterte die Revolution. Zwar bestand in Deutschland von Ende 1918 bis Januar 1919 eine revolutionäre Situation – Arbeiter- und Soldatenräte hatten sich gebildet und den bewaffneten Aufstand organisiert –, doch wurden die revolutionären Massen brutal unterdrückt und ihre wichtigsten Protagonisten auf der politischen Bühne, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, ermordet. All dies geschah unter einer SPD-Regierung. Die Führung der Sozialdemokraten hatte sich mit den alten Kräften des Kaiserreichs in Militär und Wirtschaft verbündet, um die Revolution niederzuschlagen. Mitten in diesen Kämpfen, Ende Dezember 1918, gründeten die konsequenten Marxisten in Deutschland die KPD. Der Bruch mit den Opportunisten der Mehrheits-SPD, die Bildung der kommunistischen Partei – auch das war eine Schlussfolgerung aus den Ereignissen der Revolution.

Philipp und Lukas, Tübingen

Communist_cutGleichberechtigt? POSITION hat nachgefragt.

Unsere Regierung tut zumindest manchmal so, als wollte sie die Gleichberechtigung der Frau voranbringen. Dumm nur, dass sie sich dabei vor allem um bessergestellte, hochqualifizierte Frauen kümmert. Frauen aus der Arbeiterklasse bekommen für die gleiche Arbeit immer noch weniger Geld – da hilft es auch nichts, wenn im Konzernvorstand eine Managerin sitzt. Wenn die Möglichkeiten zur Kinderbetreuung fehlen, sind es meist die Frauen, die ihren Beruf aufgeben und zu Hause bleiben müssen. Und noch immer sind wir im Alltag mit reaktionären Rollenbildern konfrontiert.

All das wird keine bürgerliche Regierung ändern. Denn das Kapital hat ein Interesse daran, Frauen als Lohndrückerinnen einzusetzen und Kinderbetreuung und Hausarbeit zur Privatsache zu machen. Grund genug, für die Gleichberechtigung der Frau und gegen den Kapitalismus zu kämpfen – nicht nur am Frauentag.

Eine unserer Leistungen

Erika Baum (88, Berlin) war Lehrerin in der DDR.

„Es reicht nicht aus, die Forderung nach der Gleichberechtigung der Frau in die Welt zu posaunen, sondern dafür müssen ja auch die Voraussetzungen bestehen. In diesem wunderbaren Großdeutschland sind Frauen häufiger arbeitslos als Männer, sie sind die ersten, die rausfliegen, wenn es Entlassungen gibt. Ich als DDR-Frau war bis zur Rente immer berufstätig, heute haben es die Frauen ganz schwer, das zu erreichen. Die Gleichberechtigung schafft man nicht mit Formalismen. Zum Beispiel nach 89, nachdem wir angeschlossen waren, sagte in einem Gespräch eine DDR-Frau, sie sei Germanist. Also, sie sagte nicht Germanistin, worauf sie sofort korrigiert wurde. Der Witz war aber, dass diese Frau – nachdem die DDR nicht mehr existierte – weder Germanist noch Germanistin war, sondern Hausangestellte, weil sie rausgeschmissen worden war. Also, ich meine, das Entscheidende ist nicht die Sprachregelung. Die Arbeiterbewegung hat immer, von Anfang an, Frauenfragen im Zusammenhang mit dem allgemeinen Klassenkampf aufgegriffen. Und in dem Maße, wie die Frauen an diesen Kämpfen teilgenommen haben, haben sie sich auch entwickelt. Das ist das eine, und das andere sind eben die materiellen Voraussetzungen. Ich bin der Meinung, dass es eine unserer großen Leistungen in der DDR war, wie hoch der Anteil der Frauen an den qualifizierten Berufen war, an Facharbeiterinnen, an Studierenden und so weiter. Aber auch, dass die Kinderbetreuung gesichert war, dass die Familien von einem Teil der Hausarbeit entlastet wurden – durch öffentliche Waschanstalten, oder auch durch Essen in den Betrieben und Schulen, da war die Kocherei am Abend nicht mehr so notwendig. Wir haben also versucht, die materiellen Bedingungen für die Gleichberechtigung zu schaffen.“

Nur für Männer

Caro (Essen) hat sich als Tischlerin beworben.

„Ich bin nie davon ausgegangen, dass es für mich schwierig sein würde, mit Abitur einen Ausbildungsplatz zu finden, obwohl ich natürlich weiß, wie entmutigend und kritisch die Lage auf dem Arbeitsmarkt aussieht. Doch nach meinen ersten Telefonaten mit Tischlereien in Essen schwand meine Hoffnung, denn immer wieder wurde mir gesagt, dass keine Frauen ausgebildet werden. Diese Tatsache ist nicht nur kritisch, sondern diskriminierend jeder Frau gegenüber, die in dieser sogenannten emanzipierten Welt einen ‘Männerberuf’ ergreifen möchte. Viele Unternehmen redeten sich damit raus, dass sie für eine Frau extra sanitäre Anlagen bauen müssten, andere gaben gar nicht erst einen Grund an, sondern sagten mir von vornherein, dass ich meine Bewerbungsunterlagen gar nicht erst abschicken brauche. Oder sagten mir, sie glauben nicht, dass eine Frau das Zeug dazu hätte, Handwerkerin zu werden. Dass ich im Endeffekt bei einem gut bezahlenden Großkonzern gelandet bin, war Zufall und pures Glück, sonst wäre ich jetzt arbeitslos oder Studentin.“

Auszeit undenkbar

Gianna (Münster) wollte Kind und Beruf.

„Seit dem Ende meines Studiums reiht sich ein befristeter Vertrag an den nächsten. Familienplanung ist damit kaum möglich. Trotzdem wollte ich auf meinen Kinderwunsch nicht verzichten und so kam vor etwa zwei Jahren meine Tochter auf die Welt. Eine Auszeit im Beruf war jedoch undenkbar. Damit wären die Chancen auf einen Anschlussvertrag gegen null gesunken. Zum Glück war mein Partner bereit in Elternzeit zu gehen. Nur konnte ich langfristig mit meinem Gehalt für eine halbe Stelle unmöglich eine Familie ernähren. Deshalb starteten wir schon frühzeitig die Suche nach einer Kita. Doch alle Anrufe, Besichtigungen, Vorstellungsgespräche, Hospitationen u.s.w. waren trotz Bewerbungen in über zwanzig Einrichtungen leider erfolglos. Nur durch Glück bekamen wir etwas später einen Platz in der Betriebskita. Die schließt allerdings um 15 Uhr, so dass sich nachmittags immer jemand um die Kleine kümmern muss, obwohl ich die Zeit dringend für meine Weiterqualifikation bräuchte, die in meinem Bereich extrem wichtig ist. Für politische Arbeit, für Sport oder für Freunde bleibt da wenig Zeit.“

Neues „Zukunftspapier“ verabschiedet: Ende September, auf der zweiten Tagung ihres XX. Bundeskongresses hat sich die SDAJ eine neue programmatische Grundlage gegeben.

Es war ein anstrengendes Wochenende, aber es hat sich gelohnt. Der gesamte Verband hat es möglich gemacht, dass Hunderte Jugendliche in der Vorbereitung und am Kongress selber an der Diskussion beteiligt waren. Und das Gesamtergebnis ist ein Papier, das unsere Analyse der Welt, in der wir leben, beschreibt. Es hält Forderungen und Standpunkte zu allen wichtigen Politikfeldern fest. Und es macht deutlich, auf welche Weise eine sozialistische Gesellschaft erkämpft werden kann und worin die Aufgaben unseres Verbandes in den Kämpfen unserer Zeit bestehen.
Wie sein Vorgänger aus dem Jahr 2000, besteht auch das neue Zukunftspapier aus drei Teilen. Am Anfang steht eine Charakterisierung des Imperialismus und seiner Entwicklung in den letzten Jahren. Wir diskutierten über die Zunahme deutscher Beteiligung an Kriegen und Rüstungsexporten sowie die stetig anwachsende Dominanz deutscher Banken und Konzerne, wie er sich im Sozial- und Demokratieabbau etwa in Griechenland, Spanien und Portugal zeigt. Der deutsche Imperialismus nutzt die EU, um die Kosten seiner Exportorientierung auf uns und auf die gesamte europäische Arbeiterklasse abzuwälzen – dagegen müssen wir uns wehren.

Im Hauptteil des Zukunftspapiers formulieren wir unsere „Grundrechte der Jugend“, u.a. auf Arbeit, Bildung und Frieden. Hier gehen neue Erkenntnisse ein, die wir in gemeinsamen Kämpfen der SchülerInnen, Studierenden und Arbeiterjugendlichen gesammelt haben – so in den Aktionen gegen die Werbung der Bundeswehr, in antifaschistischen Kämpfen und vor allem in der Interessenvertretungspolitik in Schule und Betrieb. Beim Kampf für die Durchsetzung unserer Grundrechte brauchen wir Bündnispartner, um eine größere Stärke zu erlangen. Ziel unserer Bündnisarbeit ist immer, Kämpfe gegen die Banken und Konzerne und ihre Parteien zu stärken. Dazu versuchen wir, Gleichgesinnte zu gewinnen, auch auf Teilgebieten und über politisch-weltanschauliche Grenzen hinweg.

Das letzte Kapitel „Der Sozialismus – unsere Zukunftsperspektive“ klärt unseren Anspruch als revolutionäre Organisation: Solange der gesellschaftliche Reichtum von einigen wenigen Banken und Konzernen kontrolliert wird, solange die politische Macht in den Händen der Vertreter des Kapitals liegt, ist es nicht möglich, die Grundrechte der Jugend durchzusetzen. Für die SDAJ geht es deshalb darum, auch in den scheinbar kleinen, alltäglichen Kämpfen das sozialistische Ziel vor Augen zu behalten.

„Führende bürgerliche Ideologen bedauern regelmäßig, dass die Jugend in Deutschland zu wenig über den Sozialismus wisse“, so unser Vorsitzender Björn Schmidt in seinem Referat. „Mit unserem Zukunftspapier haben wir nun ein gutes Material, um diesen Wunsch zu erfüllen. Sorgen wir also dafür, dass der Sozialismus in der Schule eine größere Rolle spielt.“

Fred, Bochum

Wie ist es möglich, eine Regierung zu bilden, die die Macht des Kapitals in Griechenland auch in der Krise garantieren kann? Das war die Frage, die die Herrschenden im Land und in der EU zu beantworten hatten. Für den Moment haben sie eine Lösung gefunden: Die konservative Nea Dimokratia (ND), die sozialdemokratische PASOK und die Demokratische Linke konnten nach der letzten Parlamentswahl eine Regierung bilden. Bis zum Wahltag war unklar, ob es nicht doch zu einer „Linksregierung“ unter Führung der SYRIZA kommen würde.

Einfache Lösungen

Die Krise, die Staatsschulden und der Widerstand gegen die herrschende Politik haben das politische System in Griechenland destabilisiert. Zwei Parlamentswahlen und wochenlanges Chaos standen vor der Regierungsbildung. Zwei Lager, so haben es die bürgerlichen Medien dargestellt, standen sich dabei gegenüber: Die Kräfte der Vernunft, die das Memorandum, also die Sparpolitik, unterstützten. Und die Gegner der Sparpolitik, diejenigen, die die barbarische Verarmung der arbeitenden Bevölkerung beenden wollten. Die Befürworter der Sparpolitik setzten auf die Angst der Menschen: Ein Aufkündigen der Sparprogramme würde dazu führen, dass Griechenland aus der Eurozone fliegt. Dann käme alles noch schlimmer, als es jetzt schon ist. Griechenland würde ein Entwicklungsland werden, die Sparpolitik – und der Spitzenkandidat der ND, Samaras – seien das kleinere Übel. Dabei bekamen sie viel Unterstützung: Von Angela Merkel und Francois Hollande, vom IWF und der Financial Times Deutschland. SYRIZA hielt dagegen: Eine „Linksregierung“ könne das Sparprogramm beseitigen und die Kontrolle über die Banken übernehmen, ohne aus der Eurozone auszutreten. Es käme nur darauf an, richtig zu verhandeln – einen Euro-Austritt Griechenlands könnten sich die anderen europäischen Länder gar nicht leisten. Auf der einen Seite die Angst vor dem Chaos, auf der anderen Seite das Versprechen einer einfachen Lösung für alle Probleme – das war der Wahlkampf in Griechenland.

Eine Wahl?

Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) unterstützte keine dieser beiden Positionen. Sie machte deutlich: Im Kampf gegen die Verarmung der Bevölkerung, im Kampf gegen die kapitalistische Krise gibt es keine einfache Lösung. Das Kapital in Griechenland und in der EU ist darauf angewiesen, die griechische Bevölkerung zur Kasse zu bitten, weil dies die einzige Möglichkeit ist, um seine Profite zu sichern. Die einzige Wahl, die das Kapital den arbeitenden Menschen in Griechenland lässt, ist, auf welche Weise die Verelendung weiter gehen soll: Durch Sparprogramme in der EU oder durch einen unkontrollierten Staatsbankrott. Der einzige Ausweg ist, dass das Volk die Dinge in die eigenen Hände nimmt und dem Kapital die Kontrolle über den gesellschaftlichen Reichtum nimmt: Die Wirtschaft und die Macht des Volkes, der Sozialismus. Diesen Weg zu nehmen ist nur durch lange und harte Kämpfe möglich.

An der Wahlurne stark

In der Wahl vom 17. Juni erhielt die KKE 4,5 Prozent der Stimmen, im Mai hatte sie noch 8,5 Prozent bekommen. Die KKE verlor Stimmen, weil sie keine einfachen Lösungen anbieten konnte. Die Protestwähler, diejenigen, die auf eine Lösung an der Wahlurne gehofft haben, haben lieber SYRIZA gewählt. Die KKE hat in den letzten Jahren eine entscheidende Rolle in den Kämpfen der griechischen Bevölkerung gespielt, die klassenbewusste Gewerkschaftsfront PAME war die führende Kraft in den vielen Generalstreiks. Aber an der Wahlurne waren die Versprechungen der SYRIZA stärker als die Vorschläge der Kommunisten. Aber, das erklärt die KKE, der Einfluss der Partei zeige sich nicht in erster Linie bei Wahlen, sondern in den Kämpfen im Betrieb und auf der Straße. Diese Kämpfe weiterzuentwickeln und immer mehr Menschen davon zu überzeugen, dass nur der Sozialismus eine Lösung für die Widersprüche unserer Gesellschaft bietet, darin sehen die griechischen Kommunistinnen und Kommunisten auch nach der Wahl ihre Aufgabe. Den Vorschlag, eine „Linksregierung“ zu bilden, halten sie dagegen für schädlich, weil er Illusionen über eine Lösung im Rahmen des Kapitalismus schüre.

Kein Spielraum

Denn egal, was eine solche Regierung machen würde: Ihre Handlungsmöglichkeiten würden durch die Staatsschulden und den Druck der großen EU-Länder, durch die wirtschaftliche Kontrolle des einheimischen Kapitals und den Widerstand des Staatsapparates eingeschränkt. Eine solche Regierung könnte bestenfalls einige symbolische Änderungen an der Sparpolitik durchsetzen. Darüber hinaus könnte sie nichts anderes tun, als den Kapitalismus zu verwalten. Zwischen den Zeilen wird das auch in den Erklärungen der SYRIZA deutlich: Ihr geht es nicht darum, die griechischen Schulden zu streichen – sie will über die Streichung der „unfairen“ Schulden und über die Rückzahlungsbedingungen für den Rest verhandeln. Und sie will Mitglied der EU und der Eurozone bleiben. Eine „Linksregierung“ unter der Führung der SYRIZA ist damit nur eine weitere Option für das Kapital, um seine Herrschaft auf andere Weise zu organisieren. Die KKE dagegen setzt darauf, die Bewegung der Arbeiterklasse, der kleinen Selbstständigen, der Bäuerinnen und Bauern und der anderen von der Abwälzung der Krisenlasten betroffenen Schichten weiterzuentwickeln. Damit diese Bewegung in die Lage kommt, eine wirkliche Alternative zur Herrschaft des Kapitals durchzusetzen.

Olaf, Frankfurt (in der POSITION)

Hellas, lieber Alex,

Mensch, jetzt bist du doch nicht Regierungschef in Griechenland geworden, dabei hast du dir das doch so gewünscht! Und was für eine Mühe ihr – du und Syriza – euch gegeben habt! Deinen Landsleuten hast du versprechen gemacht, aber hallo: Du hast ihnen höhere Löhne, eine Neuverhandlung der Schulden und eine Refinanzierung Griechenlands über Steuererhöhungen bei den Reichen versprochen, hast gesagt, ihr wärt die einzige Alternative zum Spardiktat.

Dann, als die Wahl immer näher rückte, hast du dir neue Freunde gesucht: Freunde aus den Reihen der Sozialabbau-Partei PASOK, die deinem Wahlbündnis beigetreten sind und auch Freunde, die so mancher bei aller Rhetorik nicht erwartet hätte: Die Bourgeoisie! Im Euro würdet ihr bleiben wollen (damit Deutschland auch weiterhin seine Waren bei euch verticken kann?) und hast, was die Ursachen der Krise in Griechenland angeht, in genau das selbe Horn gestoßen, wie alle anderen auch: Euer Staatsapparat sei zu aufgebläht und es müssten einfach mehr Steuern her. Am Ende setzten sich sogar einige Chefs der griechischen Unternehmerverbände für dich ein. Komisch, hm?

Links blinken und rechts abbiegen, gell? Lippenbekenntnisse reichen nicht und eine soziale EU kann, wenn sie mit der heutigen EU noch etwas zu tun haben möchte, nicht herbeigewählt werden. Das hat auch die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) erkannt und vielleicht ist das der Grund, weshalb du und deine wechselnden Spielkameraden sie – offen und verdeckt – seit Jahren angreift. Die KKE stand trotz der Gefahr eines drohenden Stimmverlustes zu ihrer Analyse und weigerte sich, eine Aufweichung ihrer Positionen in Kauf zu nehmen, um eurem Bündnis beizutreten.

Die KKE ist die einzige Kraft in Griechenland, die die aktuellen Prozesse in Griechenland rein vom Standpunkt der Unterdrückten und Ausgebeuteten aus bewertet und ihre Strategien trifft. Und im Gegensatz zu euch ist sie tief mit der arbeitenden und lernenden Bevölkerung des Landes verbunden. Deine Wahlparolen sollten u.a bewirken, dass KKE-WählerInnen zur Syriza abwandern. Das mag geschehen sein, allerdings bestimmt nicht für lange Zeit: Ein Großteil deiner WählerInnen waren Protestwähler, die sich von deinen bewusst interpretationsfreudigen Parolen haben fangen lassen.

Genauso seid ihr in der Vergangenheit Bündnisse mit reaktionären bis rechtsradikalen Parteien eingegangen, um die Wahl eines kommunistischen Bürgermeisters auf der Insel Ikaria zu verhindern. Das ist das wahre Gesicht der Syriza, in der vom Trotzkisten bis zum Sozialdemokraten jeder mitmachen darf, solange er nur dem Sturz des Kapitalismus abschwört. Und psst, ganz unter uns: Hast du ernsthaft an das geglaubt, was du vor der Wahl versprochen hast? Ok, war ein ganz netter Scherz. Wir wünschen dir auf jeden Fall viel Spaß bis zur nächsten Wahl, vielleicht klappts ja beim nächsten Mal…

Moritz (Bochum) & dein Zeitungskollektiv

Das Festival der Jugend findet vom 25 bis zum 28 Mai in Köln statt. Das vollständige Programm mit Line-Up, politischen Runden und Workshops findest du hier: Festival der Jugend 2012

Falls du interesse hast hin zu fahren, melde dich einfach bei uns unter: kontakt@tuebingen.sdaj-bawue.de

Ellen Schernikau liest auf dem diesjährigen Festival der Jugend aus den Werken ihres früh verstorbenen Sohnes, Ronald M. Schernikau.

Geboren in der DDR, aufgewachsen in der BRD, ist Schernikau der junge Homosexuelle, der nicht an der piefigen Kleinstadt scheitert, sondern sie an ihm. Auch die Leichtigkeit des früheren Westberlins prallt an ihm ab, Ronald wird kurz vor der Wende DDR-Staatsbürger.

Konsequent in seinen Analysen, urteilt er stets mit zärtlicher Schärfe. Mit Passagen, die zum lauten und mehrfachen lesen verführen, schuf Schernikau Literatur in einem wiederzuentdeckenden Sinne – als Spiegel der Verhältnisse.

POSITION führte ein Interview mit seiner Mutter, Ellen Schernikau, die seit Jahren auf Veranstaltungen aus seinen Werken ließt.
Online veröffentlichen wir das Interview ungekürzt, in voller Länge.

POSITION: Ellen, warum glaubst du, dass es sich auch heut noch für junge Leute lohnt, Ronalds Texte zu lesen?

Ellen: Ich denke, dass die Texte, die Ronald geschrieben hat, zeitlos sind. Dass sie sozusagen immer Gültigkeit haben. Es gibt natürlich bestimmte Bezüge, die sich überholen, das ist logisch. Aber die Kernaussage gilt eigentlich immer. Und eine seiner Kernaussagen ist: „nichts anderes ist, als was wir daraus machen“ Das zum Beispiel. Das ist das Ende eines Gedichtes, das heißt “bach”.

Oder zum Beispiel aus “tage in l.” – wie er sagt, “es gibt eine einfache probe. frage jemanden nach seinem ideal und frage ihn nach der wirklichkeit. wenn er beginnt, sein ideal zu besingen, geht es los. wenn er über die wirklichkeit lamentiert, vergiß ihn.” Klar weiß er, dass man das Schlechte der Wirklichkeit benennen muss, und man muss einfach auch mal klagen, man muss sich ärgern und aufregen. Aber wenn es dabei bleibt, dann ist es schade um die eigene Zeit und das eigene Leben.

Also ein Mensch ohne Ideal, das fand er und das teile ich vollständig, der ist eigentlich arm. Das sind so ein paar Beispiele, die man fortsetzen kann. Das mache ich auf den Lesungen. Das macht Mut, mit diesen Texten. Diese Reaktion erfährt man auch an sich selbst, wenn man das so liest.

POSITION: Über deine eigene Lebensgeschichte erfährt man viel in dem Buch „Irene Binz. Befragung“, das Ronald geschrieben hat. Wie kam es denn zu der Idee?

Ellen: Ronald kam eines Tages und sagte: Du hast so vieles erlebt, diese Ost-West-Geschichte und ich brauche neuen Stoff und kann ich das nicht aufschreiben. Da hab ich erst mal gesagt: Nee, ich hab mir auch schon mal gedacht, wenn ich selber mal Zeit habe, Rentnerin bin, dann mach ich das selber. Weil ich selbst auch sehr gern schreibe. Beim nächsten Besuch hat er dann wieder so rumgestottert und willst du nicht, kann ich nicht und da hab ich mir gedacht, ach, na klar. Wenn ich das selber schreibe dann wird’s vielleicht auch ein bisschen kitschig und sentimental und das ist eigentlich gut, wenn er das macht. Und dann hab ich ihm meine Geschichte geschenkt.

Und dann kam er an, mit einem Tonbandgerät und dann haben wir ein ganzes Wochenende zusammen gesessen und haben wirklich zwischendurch einfach mal was gegessen, waren auf dem Klo oder haben mal geschlafen aber eigentlich haben wir ein ganzes Wochenende lang mal nur geredet, geredet – ich vor allen Dingen – er hatte seine Fragen, und so ist das entstanden. Und dann sind da 600 Schreibmaschinenseiten draus geworden. Die hat er zusammengeschnitten auf 150 Seiten. Dann wollte er das gerne in der DDR veröffentlichen und die DDR mit ihren sehr ängstliche Lektoren, die haben das abgelehnt. Weil sie das aus mehreren Gründen nicht druckbar in der DDR fanden. Ein Grund war: man kann den Leuten nicht erzählen, dass jemand aus Liebe rübergegangen ist. Geht halt nicht. Man verrät das Land nicht. Da haben sie sicherlich irgendwo recht. Trotzdem fand ich das damals kleinlich, weil das hätte eine Diskussionsgrundlage sein können für gute Diskussionen. Aber da waren sie ein bisschen engstirnig.

POSITION: Wie bei so vielen Werken Ronalds, dieses Problem hat sich ja zeitlebens durch Ronalds Leben gezogen. Sowohl in der BRD als auch in der DDR hatte er Schwierigkeiten. Was waren denn da die Argumente? Womit hatte er zu tun und zu kämpfen?

Ellen: „Man schreibt sowas nicht, sowas gehört nicht in die Öffentlichkeit.“ Und im Westen haben die Verlage dann gesagt er ist zu weit links. Und dann auch noch homosexuell. Das hat ihnen dann auch wieder nicht gepasst. Beide Seiten fanden ihn zu radikal. Und trotzdem hatte er den Wunsch, in der DDR zu leben, obwohl er wusste, dass er da nicht gedruckt wird. Aber er war in der Hoffnung, dass eines Tages die Leute vernünftiger werden. Oder offener. Und er hat immer gesagt, wenn ich das Land, was ich liebe, also die DDR, kritisiere, dann verstehe ich überhaupt nicht, dass sie die Kritik nicht annehmen, denn ich kritisiere doch nur dann, wenn ich will, dass sich was verbessert. Eine konstruktive Kritik macht man ja nicht, um jemanden nieder zu machen sondern um ihn aufmerksam zu machen und das wollte er. Er wollte einfach ins Gespräch kommen. Und dazu waren die DDR-Leute nicht bereit. Dazu waren sie nicht selbstkritisch genug.

POSITION: Obwohl deine Eltern mit Hitler sympathisiert haben, bist du überzeugte Kommunistin. Wie kam denn das? Warum hat der Sozialismus dir so eingeleuchtet?

Ellen: Ich denke, ich hatte gute Lehrer. Immer wenn ich mit diesen Fragen zu “Früher” nach Hause kam, da wurde nicht drauf reagiert. Oder das wurde einfach negiert. Und ich hab so viel in der Schule gelernt. Über das, was das sogenannte dritte Reich wollte, die Ziele, die Verfolgung, so dass ich glaubte, dass sowas einfach nicht mehr vorkommen darf, man dem den Boden entziehen muss. Und da wurde sozusagen bei mir “gesät” und die Saat ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Das hat mir eingeleuchtet.

Und dadurch, dass ich immer schon ein kommunikativer Mensch war und gesellschaftlich gerne tätig, hatte ich darüber gleich auch immer Funktionen und hab auch gut argumentieren können. Dann bin ich darüber in die FDJ gekommen, über den Pionierrat. Und in die Partei. Und so bin ich meinen Weg gegangen. Und hab mich nicht beirren lassen von den Fehlern, die wir gemacht haben. Die zwar schmerzvoll waren – ich hab Jahre gebraucht, um nicht zu weinen, wenn bestimmte Themen angesprochenen wurden, weil ich manchmal nicht wahrhaben wollte, was wir für Schwächen hatten, und bin trotzdem dabei geblieben, weil ich weiß, dass der Marx recht hat. Dass dieses System keine Zukunft hat. Und ich freue mich, dass ich bei dem Experiment dabei war. Es ist zwar schiefgegangen – leider – aber es war halt zu schwach. Deshalb konnten die anderen es auch gut killen. Etwas kann ja auch eher gekillt werden, wenn etwas schwach ist. Und diese Schwächen haben wir selber nicht so gesehen. Wir haben uns überschätzt, wir haben gedacht wir wären stärker.
Nächstes Mal wird’s besser.

POSITION: Na, wir arbeiten dran!

Ellen: Genau, und dafür brauchen wir euch! Die Jugend! Also wenn ich mir vorstelle, 50 Jahre war ich aktiv, aber irgendwie wird man auch müde und verleugnet sich zwar nicht, auf keinen Fall, aber ich habe nicht mehr die Kraft. Und da müsst ihr jetzt ran. Ihr seid jung und habt auch wieder andere Ideen und das ist auch gut so.

POSITION: Obwohl du ja so sehr hinter der DDR stehst, bist du umgesiedelt in die BRD. Warum war das denn der Fall?

Ellen: Das war nicht aus politischen Gründen, sondern weil der Vater von Ronald drüben gelebt hat. Und ich hatte immer das Gefühl, ich muss dem Kind einen Vater geben und ich hab den Mann auch geliebt. Wollte mehr Kinder mit ihm. Und ich muss auch sagen, als der 13. August ’61 kam, also die Mauer gebaut wurde, hatte ich das Gefühl, jetzt haben mir andere das Problem abgenommen, weil ich nie richtig wusste, wie mach ich’s richtig. Geht mein Privatleben vor, also meine Wünsche, meine Gefühle, oder muss ich nicht in meinem Land bleiben und am Aufbau mithelfen? Das hat mich viel Kraft gekostet. Sodass der 13. August erstmals eine Art Ruhe reingebracht hat.

Ich hab gedacht: gut, jetzt sehe ich ihn vielleicht nicht wieder. Aber ich hab gespürt, dass es für mich eigentlich ganz gut war, ich war beruhigt. Dann bin ich aber doch rüber gegangen, weil er über so eine Fluchthelfergesellschaft die Gelegenheit hatte, für ‘nen Haufen Geld, uns zu holen. Dann hab ich’s mir auch nicht leicht gemacht. Dennoch habe ich mich für meine privaten Gefühle entschieden. Was man nicht unbedingt nachvollziehen muss, aber es war halt so.

POSITION: Und was hat dich dabei am meisten geschmerzt?

Ellen: Das ich nicht mehr teilhaben konnte. Am weiteren Verbessern der Situation. Dass ich das, was selbstverständlich war, aufgeben musste. Ich kannte ja die Verhältnisse, die im Westen herrschten, zwar nur aus Berichten oder aus dem Unterricht, aber ich wusste das da vieles – gerade was Soziales, Bildungsmäßiges und Gesundheitliches anbelangte – bei uns gut war. Und dass ich das jetzt verlassen muss und diese Ungewissheit, in welche Verhältnisse mein Kind kommt, wie es im Westen aufwachsen würde, das war für mich fast bedrohlich. Und trotzdem hab ich’s gemacht.

Mit dem Wissen von heute würde ich’s nicht mehr machen. Doch damals konnte ich nicht anders und dazu stehe ich. Es gab damals viele aus meinen Reihen, die das nicht verstanden haben und auch heute gibt es noch welche. Aber das ist nun keine frage mehr. Ich hab’s getan und das bin ich.

POSITION: Und Ronald? Warum ist er wieder zurückgegangen? Waren dass die Gründe weshalb er generell rüber gegangen ist? Was war da sein Interesse?

Ellen: Er kannte die DDR ja nur als kleines Kind, bis 6. Da kriegst du ja nicht viel mit. Und dann hat er studiert in Leipzig und hat den Alltag kennen gelernt. Und dann hat er während der 3 Studienjahre gesehen, dass das Anliegen der sozialistischen Idee so gut ist, dass er dabei sein wollte, sie immer weiter zu verwirklichen. Obwohl er wusste, dass er ihnen zu radikal ist. Aber das ging ihm nicht unbedingt um dieses Persönliche. Er wollte einfach dabei sein. Das war die eine Seite. Die andere Seite war, dass er in einer gesicherten Position dort arbeiten konnte. Obwohl er nicht veröffentlicht werden würde, wusste er, dass er dort produzieren kann und dass er ein Recht auf Arbeit hat ein Recht auf eine Arbeitsstelle. Was es ja einfach im Westen nicht gab und auch nicht gibt.

POSITION: Wie kam es denn überhaupt, dass der Ronald den Kommunismus für vernünftig befunden hat?

Ellen: Also der Anfang bin sicherlich ich. Ich war ja seine Bezugsperson und er hat mitbekommen wenn ich von der DDR gesprochen habe. Da sind Lügen über die DDR erstmal abgeprallt. Und ich habe ihm Bücher aus der DDR kommen lassen.

Und ich habe ausschließlich gute Literatur gelesen und er auch. Ich war immer bemüht, ihn keinen Kitsch lesen zu lassen oder keine oberflächlichen Dinge. Und er kannte meine Einstellung und hat die sicherlich als Kind erstmal für wahr befunden. Die Umwelt formt ja den Menschen. Aber jetzt kam ja die Schule dazu. Und es hätte durchaus sein können, dass er eher den Lehrern geglaubt hätte, so wie es mir mit meinen Eltern gegangen ist. Und dass er mich nicht mehr ernst genommen hätte. Das ist aber nicht passiert.

POSITION: Was war denn das für Literatur, die er gelesen hat?

Ellen: Ich weiß zum Beispiel, dass er mit 14 schon den Faust gelesen hat. Ob er das alles verstanden hat weiß ich nicht. Aber mit Interesse hat er das gelesen. Er hat die ganzen Klassiker gelesen. Goethe, Schiller, und ich weiß noch, dass er mal aus dem Kinderbuchverlag der DDR mit acht ein Buch ab 12 gelesen hat. Meine Mutter hat ihm das aus der DDR mitgebracht hat. Als Geschenk. Und zwar waren das die Shakespeare-Stücke als Märchen für Kinder. Sodass er recht früh schon mit den Figuren von Shakespeare und mit der Stilart, mit Sonetten bekannt wurde. Und sich da literarisch, belletristisch, auch selber weiter gebildet hat. Er hat alles gelesen was ich hatte. Und ich hatte halt nie Schund. Immer gute Schriftsteller, ob das nun Hermann Kant war oder Brecht, ganz viel, oder Heym. So hat er sich auch geistig gebildet. Und hat sich nie davon abbringen lassen, hat nie irgendwelche schlechten Sachen gelesen. Natürlich mit Einschränkung – er hat auch mal die Bravo gelesen. Die geht ja an keinem vorbei. Und auch den Superman. Aber er ist eben nicht dabei geblieben.

POSITION: Und wie ist er schließlich zu SDAJ gekommen?

Ellen: Er hat da irgendwann Infomaterial gesehen und wusste gar nicht was das ist, brachte das mit und wir haben das zuhause gelesen. Und wir wussten gar nicht, dass es die DKP gab. Wir haben von den sogenannten 68er Jahren zum Beispiel gar nichts mitbekommen. Erstens mal waren wir in der Kleinstadt, da ist sowieso politisch null, und zweitens mal waren wir ja grade erst zwei Jahre drüben, da hatten wir andere Sorgen. Diese Enttäuschung, den Vater doch nicht zu bekommen und doch keine Familie zu bekommen, die war gegenwärtig. So das wir uns versucht haben, den Alltag so schön wie möglich zu machen. Da hat uns die Umwelt gar nicht gekümmert.

POSITION: Und wie war sein Verhältnis zur SDAJ?

Ellen: Er ist ja recht früh in die SDAJ eingetreten, mit 16, und brachte immer Material mit nach Hause, ist auch ein halbes Jahr später in die DKP eingetreten.

Auf der einen Seite war er froh, Leute kennen zu lernen, die so denken wie er. Jugendliche die so sind wie er. Die Kritik war, dass man mit seinem Schwulsein nicht zurecht gekommen ist. Das war ein Konflikt für ihn, dass ein Jugendverband oder ein Partei, die ja doch sehr offen ist, aber an manchen stellen so blöd. Das hat ihn enttäuscht. Einen hat er kennengelernt, der auch beides war, Kommunist und schwul. Die haben sich dann viel unterhalten. Aber sonst war das ein Tabu-Thema. Das war dann ’76. Da redete man nicht offen darüber.

Und was auch seine Kritik war: Er hat früh gemerkt, dass er gern schreibt. Einmal hatte er sich für ein Poeten-Seminar in der Karl-Liebknecht-Schule angemeldet. Und das fanden die Genossen aus der Gruppe da nicht so wichtig. Und erst viel später haben sie mir mal gesagt, nach Ronalds Tod, sie haben den Ronald damals nicht verstanden. Warum wissen sie selber nicht. Für die kamen nur politische Themen infrage und das war auch sehr befremdlich für Ronald und mich. Denn wenn es solche Themen doch schon angeboten gibt, dann muss man doch damit rechnen, dass sich jemand dafür meldet?! Das waren so ein paar Widersprüche. Aber wie das so ist, die Grundlinie stimmte. Und er ist auch immer dann dabei geblieben. Und er hatte immer Kritik, war immer einer von denen, die gerade raus ihre Meinung gesagt haben. In dem Bestreben, dass es besser wird. Dass man mehr zu sich steht und fähiger wird.

POSITION: Was hat er denn immer so gemacht, hatte er bestimmte Funktionen?

Ellen: Der war immer aktiv. Im Redaktionskollegium etwa. Da war er schon in der sechsten Klasse. Die anderen waren alle so elfte, zwölfte. Da war er schon dabei die Schülerzeitung mitzugestalten. Und da hab ich auch heute noch einige Artikel.

Und später war er in der DKP auch im Gruppenvorstand, da hat er auch die Zeitung für Hannover gemacht. Es war immer sein Bestreben, sich zu äußern. Nicht einfach nur als Parteimitglied rumzusitzen und zuzuhören, was da vorne jemand verkündet, sondern er wollte immer mitmachen. Aktiv sein. Und da ihm das Schreiben lag, liegt es ja nahe, dass einer sich da betätigt. Er konnte gut formulieren. So war er eben auch im Gruppenvorstand, der hat immer aktiv mitgewirkt und kritisiert. Und das ist so geblieben. Bis zu seinem Tod.

Und „die tage in l.“ steckt voller Kritik. An der DDR. Obwohl er die geliebt hat. Aber er hatte eben diese Kritik. Sodass nicht mal das in der DDR veröffentlicht werden konnte. So blöd war man damals. Also sein Mentor, der Leiter des Literaturinstituts in Leipzig war, der hat immer gesagt: „die tage in l.“ müsste in die Schulen der DDR. Das hat niemand gemacht. Und so ist es auch wieder im Westen verlegt worden.

POSITION: Wie war das mit den anderen Werken?

Ellen: „legende“ hat er vier Wochen vor seinem Tod noch fertig gestellt. Und da haben Thomas Keck, sein Lebenspartner und ich auch acht Jahre gebraucht, denn wer verlegt schon 600 Seiten über was, wo es auch wieder um Ost und West geht. Auch noch verpackt in so ‘ne Engelsgeschichte. Das war nicht einfach. Dann hat der Thomas Keck viele Artikel, die schon veröffentlicht waren oder die auch im Nachlass herausgesucht wurden als „Königin im Dreck“ herausgegeben.

POSITION: Also war Ronald auch anders publizistisch tätig?

Ellen: Ja, der hat sich Geld verdient als Journalist. Einmal um sich zu äußern und natürlich auch um Geld zu verdienen. Muss man ja. Und da ist in den linken Zeitungen immer wieder was von ihm gewesen. Ich weiß nicht wie viel insgesamt.

Und dann ist die „Irene Binz“ jetzt erst rausgekommen, zum 50. Geburtstag. Die ist er damals auch nicht losgeworden. Da hat er damals auch eine Kunstform raus entwickelt, in Blankversen. Das findet man in der „legende“. Das ist darin ein bisschen untergegangen. Die liest sich auch so schon nicht leicht.

POSITION: Zu welchem Werk würdest du jetzt im Moment als erstes greifen?

Ellen: „legende“. Weil das so vielschichtig ist. Obwohl ich das ja mindestens drei Mal lesen musste. Ich hab’s ja mit korrigiert. 2 Mal. Da hab ich manches nicht verstanden. Heute ist das so ein Buch für den Nachttisch. Das kann man aufschlagen wo man will, man kann zu jedem Thema was finden. Ob das eine Erzählung ist oder ein Märchen oder Interviews, oder einfach subjektive Aussagen. Das ist wirklich wie eine Bibel, so hat der Ronald das auch geschrieben. Der hat sie auch zweispaltig geschrieben. Du schlägst es auf und liest dich fest. Und wenn dich was nicht so interessiert, dann blätterst du weiter und du stößt hundertpro auf eine Stelle die dich interessiert. Über die du nachdenken kannst. Und das ist das schöne daran. Sein Opus Magnum, sein großes Werk.

POSITION: Zum Festival der Jugend: Wir sind sehr froh, dass du unsere Einladung angenommen hast!

Ellen: Also, ich bin hochbeglückt! Also muss ich dir wirklich sagen, ich hab mich riesig gefreut als du angerufen hast. Darüber, dass ihr, die ihr meine Enkel sein könntet, dass ihr Interesse habt an mir und an meiner Generation und an dem was wir so erlebt haben. Freu ich mich.

Das Interview führte:
Lea, Essen