Alle zwei Jahre geht’s rund im Kölner Jugendpark: die SDAJ feiert das Festival der Jugend.
Dieses Jahr vom Freitag, 25. Mai bis Montag, 28. Mai. 4 Tage lang feiern, diskutieren, Kraft tanken – mit spannenden und hochwertigen politischen Runden und einem Musik- und Kulturprogramm das sich sehen lassen kann!

Festival der Jugend heißt…

… Feiern!

Sei es beim antifaschistischen Bandkontest am Freitagabend, beim Konzert mit Derbst One, Coconut Butts und La Papa Verde und Elektroparty am Samstag oder bei traditionellen Arbeiterliedern mit Achim Bigus am Sonntag- genug Grund und Gelegenheit zum Feiern und Tanzen gibt’s beim Festival bestimmt!

… Diskutieren und lernen!

Vier Tage Zeit, um über aktuelle Entwicklungen zu diskutieren, die Interessen der Kapitalisten zu ergründen und Widerstand gegen Krise, Krieg und Faschismus zu organisieren.

„Nazifreie Zonen schaffen- aber wie?!“ – was können wir der zunehmenden rassistischen und nationalistischen Propaganda entgegensetzen, wie können wir Nazis und Rassisten das Wasser abgraben? Diskussion mit VertreterInnen aus SchülerInnenvertretungen, Gewerkschaften und antifaschistischen Gruppen.
Spar- und Hilfspakete und kein Ende in Sicht? – wie muss unsere Antwort auf die kapitalistische Krise und das EU-Diktat aussehen? Diskussion mit VertreterInnen unserer europäischen Schwesterorganisationen über die Perspektiven des Kampfes gegen die Krise.

Übernahme statt Leiharbeit! Wie können wir unser Recht auf Übernahme nach der Ausbildung gegen die Konzerne durchsetzen, die Leiharbeit und andere prekäre Beschäftigungsformen ausweiten? Diskussion mit Betriebs- und Gewerkschaftsvertreter­Innen über die strategische Bedeutung der Leiharbeit und den Widerstand dagegen.
Was steckt hinter den Kriegsdrohungen gegen Iran und der Zuspitzung der Lage in Syrien?
Das sind nur einige der Themen, die wir gemeinsam diskutieren wollen. Weitere Themen sind: Bildungsstreik und SV-Arbeit, Warum solidarisch sein mit Cuba?, ACTA, Energiepolitik, Ursachen der Schuldenkrise, Erwerbssituation junger Frauen, Workshops zu SV- und Gewerkschaftsarbeit… Mehr zum politischen Programm folgt bald!

… aktiv werden!

Das Kultur- und Sportprogramm bietet viele Möglichkeiten selbst aktiv zu werden: Künstlerisch beim Poetry Slam, Theaterworkshop und in der Graffiti-Area oder sportlich beim antirassistischen Fußballturnier und dem legendären Hamburger Demo-5-Kampf.

Hier findet ihr das Komplette Polit-Programm und Lineup des Festivals: FDJ Hauptseite

Mitfahren (!): Du hast Interesse am Festival bekommen? Wir werden eine Gemeinsame Zugfahrt aus Tübingen organisieren. Die Kosten pro Strecke werden sich auf etwa 17-20 Euro belaufen. Abfahrt ist am Freitag, etwa um 09:00. Falls du mitfahren möchtest, solltest du sich so bald wie möglich per mail bei uns melden:

kontakt@tuebingen.sdaj-bawue.de

Wir weisen an dieser Stelle auf eine Veranstaltung der VVN-BdA Tübingen-Mössingen hin.  Der Vortrag von Prof. Dr. Heinrich Fink (Vorsitzender der VVN-BdA) findet amMittwoch den 16. Mai um 19:30 im Kleinen Saal des Adolf-Schlatter-Hauses* in Tübingen statt. Wir dokumentieren den Ankündigungstext:

Millionen Menschen fielen ihm zum Opfer, namentlich während der Naziherrschaft; trotzdem ist er noch heute vielerorts latent oder sogar offen zu spüren, auch und gerade in Deutschland: Der Antisemitismus.

Welches sind die Ursprünge und Wurzeln dieser menschenfeindlichen Ideologie, welches ist seine Geschichte? Professor Heinrich Fink gibt Antworten auf diese Fragen.

Sein Vortrag setzt in der Zeit des antiken Judentums ein und begleitet den Zuhörer / die Zuhörerin aufklärend über einen Zeitraum von 2.000 Jahren durch die Geschichte des Antijudaismus beziehungsweise Antisemitismus. Von der Entwicklung der Judenfeindschaft zur Zeit der Bildung der konstantinischen Reichskirche über Martin Luthers Schrift „Von den Jüden und ihrenLügen“ (1543) und Antisemiten des 19. Jahrhunderts wie den Historiker Treitschke und den Hofprediger Stoecker bis zur Shoah reicht der Bogen, den Heinrich Fink spannt.

Dr. Heinrich Fink, emeritierter Professor für Evangelische Theologie, 1990-92 Rektor der Berliner Humboldt-Universität, danach Bundestagsabgeordneter der damaligen PDS, ist heute Bundesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA).“

*Anmerkung zum Namensgeber des Veranstaltungsortes: Adolf Schlatter, Professor für Neues Testament, ist der nicht unumstrittene Stifter und Namensgeber des Hauses der Evangelischen Studentengemeinde Tübingen. 1935 veröffentlichte er die offen antisemitische Kleinschrift „Wird der Jude über uns siegen?“.

Während LehrerInnen im Geschichtsunterricht und offizielle VertreterInnen der Bundesrepublik gerne von der deutschen Kapitulation reden, sprechen wir immer noch vom Tag der Befreiung. An diesem Tag haben die Deutschen keine schwere Niederlage erlebt – an diesem Tag wurde die schlimmste Herrschaft in der Geschichte Deutschlands beendet.

Schon kurz nach der Machtübertragung an Hitler wurden Mitglieder der KPD, SPD und der Gewerkschaften in Konzentrationslager verschleppt. Viele von ihnen haben den Tag der Befreiung nicht mehr erlebt. Der sogenannte Reichsarbeitsdienst, sorgte dafür, dass tausende Menschen zu Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen wurden, ohne Rechte, geschweige denn einer Vertretung in Form von Betriebsräten. Die Gewerkschaften waren zu diesem Zeitpunkt schon zerschlagen.

In der Folge dieser Herrschaft wurden dann alle, die nicht ins faschistische Weltbild passten, deportiert und systematisch ermordet. Egal ob Menschen mit jüdischem Glauben, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, Roma und Sinti oder politische GegnerInnen. Die deutsche Wehrmacht war bei all diesen Verbrechen beteiligt. So organisierte sie die Zusammentreibung von jüdischen Menschen um diese dann in Massengräbern zu erschießen. Unter dem Vorwand Partisanen zu bekämpfen wurden Dörfer ausgerottet, Frauen, Kinder und ganze Familien wurden gefoltert und ermordet.

Nazifreie Zonen gegen das Vergessen

Als am 8. Mai 1945 das faschistische Deutschland kapitulierte, atmeten nicht nur die überfallenen Nationen auf, sondern es bedeutete auch für viele Menschen in den Konzentrationslagern, dass sie das Unglaubliche überlebt hatten.

Aus diesem Grund ist dieser Tag der Tag, an dem wir all jenen Gedenken, die das Grauen beendeten, die die Welt vom faschistischen Terror befreiten. Nach dem 8. Mai 1945 gab es zwei Losungen an denen die Zukunft Deutschlands gemessen werden sollte. Nie wieder Krieg und nie wieder Faschismus.

Seit 1999 nimmt Deutschland wieder an Angriffskriegen teil, ist mit seinen Truppen rund um die Welt präsent und baut seine Armee von einer wehrpflichtigen Verteidigungsarmee zu einer Berufsarmee um, die eine klare Angriffsarmee wird. Dem gilt es, sich zu widersetzen und aufzuzeigen, dass von diesem Land nie wieder Krieg entstehen darf, dass deutsche Profitinteressen nicht noch einmal die Welt in Schutt und Asche versetzen dürfen.

Wir leben derzeit nicht in einem faschistischen Staat. Dennoch stellen sich einige Fragen, die einen beängstigenden Beigeschmack haben. Wie konnte der sogenannte „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) über mehrere Jahre Menschen ermorden, obwohl staatliche Organe vom Treiben der Gruppe wussten? Wieso wird eine faschistische Partei wie die NPD durch Steuergelder finanziert, obwohl Mitglieder dieser Partei den „NSU“ mit Waffen versorgten? Wieso wird die Versammlungsfreiheit von FaschistInnen mit brutaler Gewalt durchgesetzt, während antifaschistischer Protest kriminalisiert wird?

All diese Fragen lassen uns zu einem Schluss kommen: Der Tag der Befreiung muss gefeiert werden, damit niemals vergessen wird, warum die Losung “Nie wieder Krieg, Nie wieder Faschismus” auch heute noch aktuell ist.

Zum diesjährigen 1. Mai in Tübingen sind wir als SDAJ lokal zum ersten Mal in Erscheinung getreten. Gemeinsam mit den Genoss_innen der Marxistischen Aktion Tübingen haben wir uns als klassenkämpferischer und internationalistischer Block an der DGB Demo beteiligt.

Fronttranspi des internationalistischen Blocks

In Zeiten der Krise und der Spardiktate, also der verschärften Offensive des Kapitals gegen unsere Interessen, gilt es mehr denn je konsequent klassenkämpferische Positionen unüberhörbar zu machen – auch auf demonstrationen jener Gewerkschaften, die mit ihrer Linie der Klassenkollaboration objektiv nicht uns, sondern dem Kapital nützen. Uns ging es auf der Demo darum, in aller Klarheit deutlich zu machen, dass es eben nicht genug ist, sich diffus mit Griechenland zu solidarisieren, oder sogar zu proklamieren, wir seien doch „alle Griechen“. Das ist nicht nur eine irreführende, sondern auch eine wenig fortschrittliche Position. Wir wollen uns weder mit dem griechischen Nationalstaat noch mit seiner herrschenden Klasse oder seinem Monopolkapital solidarisieren, sondern mit der kämpfenden ArbeiterInnenklasse, ihren Verbündeten und ihren Organisationen. Für uns ist dabei die aktive Solidarität mit der KKE (der Kommunistischen Partei Griechenlands), der KNE (ihrer Jugendorganisation), und der PAME (der auf Initiative der KKE aufgebauten klassenkämpferischen Gewerkschaftsfront) nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern ein notwendiges Gebot der Stunde.

Mit einem Flugblatt riefen wir auf der Demo zur aktiven und praktischen Solidarität mit den streikenden StahlarbeiterInnen in Griechenland auf.

Für einen klassenkämpferischen 1. Mai!

Hoch die internationale Solidarität!

Das Festival der Jugend findet vom 25 bis zum 28 Mai in Köln statt. Das vollständige Programm mit Line-Up, politischen Runden und Workshops findest du hier: Festival der Jugend 2012

Falls du interesse hast hin zu fahren, melde dich einfach bei uns unter: kontakt@tuebingen.sdaj-bawue.de

Ellen Schernikau liest auf dem diesjährigen Festival der Jugend aus den Werken ihres früh verstorbenen Sohnes, Ronald M. Schernikau.

Geboren in der DDR, aufgewachsen in der BRD, ist Schernikau der junge Homosexuelle, der nicht an der piefigen Kleinstadt scheitert, sondern sie an ihm. Auch die Leichtigkeit des früheren Westberlins prallt an ihm ab, Ronald wird kurz vor der Wende DDR-Staatsbürger.

Konsequent in seinen Analysen, urteilt er stets mit zärtlicher Schärfe. Mit Passagen, die zum lauten und mehrfachen lesen verführen, schuf Schernikau Literatur in einem wiederzuentdeckenden Sinne – als Spiegel der Verhältnisse.

POSITION führte ein Interview mit seiner Mutter, Ellen Schernikau, die seit Jahren auf Veranstaltungen aus seinen Werken ließt.
Online veröffentlichen wir das Interview ungekürzt, in voller Länge.

POSITION: Ellen, warum glaubst du, dass es sich auch heut noch für junge Leute lohnt, Ronalds Texte zu lesen?

Ellen: Ich denke, dass die Texte, die Ronald geschrieben hat, zeitlos sind. Dass sie sozusagen immer Gültigkeit haben. Es gibt natürlich bestimmte Bezüge, die sich überholen, das ist logisch. Aber die Kernaussage gilt eigentlich immer. Und eine seiner Kernaussagen ist: „nichts anderes ist, als was wir daraus machen“ Das zum Beispiel. Das ist das Ende eines Gedichtes, das heißt “bach”.

Oder zum Beispiel aus “tage in l.” – wie er sagt, “es gibt eine einfache probe. frage jemanden nach seinem ideal und frage ihn nach der wirklichkeit. wenn er beginnt, sein ideal zu besingen, geht es los. wenn er über die wirklichkeit lamentiert, vergiß ihn.” Klar weiß er, dass man das Schlechte der Wirklichkeit benennen muss, und man muss einfach auch mal klagen, man muss sich ärgern und aufregen. Aber wenn es dabei bleibt, dann ist es schade um die eigene Zeit und das eigene Leben.

Also ein Mensch ohne Ideal, das fand er und das teile ich vollständig, der ist eigentlich arm. Das sind so ein paar Beispiele, die man fortsetzen kann. Das mache ich auf den Lesungen. Das macht Mut, mit diesen Texten. Diese Reaktion erfährt man auch an sich selbst, wenn man das so liest.

POSITION: Über deine eigene Lebensgeschichte erfährt man viel in dem Buch „Irene Binz. Befragung“, das Ronald geschrieben hat. Wie kam es denn zu der Idee?

Ellen: Ronald kam eines Tages und sagte: Du hast so vieles erlebt, diese Ost-West-Geschichte und ich brauche neuen Stoff und kann ich das nicht aufschreiben. Da hab ich erst mal gesagt: Nee, ich hab mir auch schon mal gedacht, wenn ich selber mal Zeit habe, Rentnerin bin, dann mach ich das selber. Weil ich selbst auch sehr gern schreibe. Beim nächsten Besuch hat er dann wieder so rumgestottert und willst du nicht, kann ich nicht und da hab ich mir gedacht, ach, na klar. Wenn ich das selber schreibe dann wird’s vielleicht auch ein bisschen kitschig und sentimental und das ist eigentlich gut, wenn er das macht. Und dann hab ich ihm meine Geschichte geschenkt.

Und dann kam er an, mit einem Tonbandgerät und dann haben wir ein ganzes Wochenende zusammen gesessen und haben wirklich zwischendurch einfach mal was gegessen, waren auf dem Klo oder haben mal geschlafen aber eigentlich haben wir ein ganzes Wochenende lang mal nur geredet, geredet – ich vor allen Dingen – er hatte seine Fragen, und so ist das entstanden. Und dann sind da 600 Schreibmaschinenseiten draus geworden. Die hat er zusammengeschnitten auf 150 Seiten. Dann wollte er das gerne in der DDR veröffentlichen und die DDR mit ihren sehr ängstliche Lektoren, die haben das abgelehnt. Weil sie das aus mehreren Gründen nicht druckbar in der DDR fanden. Ein Grund war: man kann den Leuten nicht erzählen, dass jemand aus Liebe rübergegangen ist. Geht halt nicht. Man verrät das Land nicht. Da haben sie sicherlich irgendwo recht. Trotzdem fand ich das damals kleinlich, weil das hätte eine Diskussionsgrundlage sein können für gute Diskussionen. Aber da waren sie ein bisschen engstirnig.

POSITION: Wie bei so vielen Werken Ronalds, dieses Problem hat sich ja zeitlebens durch Ronalds Leben gezogen. Sowohl in der BRD als auch in der DDR hatte er Schwierigkeiten. Was waren denn da die Argumente? Womit hatte er zu tun und zu kämpfen?

Ellen: „Man schreibt sowas nicht, sowas gehört nicht in die Öffentlichkeit.“ Und im Westen haben die Verlage dann gesagt er ist zu weit links. Und dann auch noch homosexuell. Das hat ihnen dann auch wieder nicht gepasst. Beide Seiten fanden ihn zu radikal. Und trotzdem hatte er den Wunsch, in der DDR zu leben, obwohl er wusste, dass er da nicht gedruckt wird. Aber er war in der Hoffnung, dass eines Tages die Leute vernünftiger werden. Oder offener. Und er hat immer gesagt, wenn ich das Land, was ich liebe, also die DDR, kritisiere, dann verstehe ich überhaupt nicht, dass sie die Kritik nicht annehmen, denn ich kritisiere doch nur dann, wenn ich will, dass sich was verbessert. Eine konstruktive Kritik macht man ja nicht, um jemanden nieder zu machen sondern um ihn aufmerksam zu machen und das wollte er. Er wollte einfach ins Gespräch kommen. Und dazu waren die DDR-Leute nicht bereit. Dazu waren sie nicht selbstkritisch genug.

POSITION: Obwohl deine Eltern mit Hitler sympathisiert haben, bist du überzeugte Kommunistin. Wie kam denn das? Warum hat der Sozialismus dir so eingeleuchtet?

Ellen: Ich denke, ich hatte gute Lehrer. Immer wenn ich mit diesen Fragen zu “Früher” nach Hause kam, da wurde nicht drauf reagiert. Oder das wurde einfach negiert. Und ich hab so viel in der Schule gelernt. Über das, was das sogenannte dritte Reich wollte, die Ziele, die Verfolgung, so dass ich glaubte, dass sowas einfach nicht mehr vorkommen darf, man dem den Boden entziehen muss. Und da wurde sozusagen bei mir “gesät” und die Saat ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Das hat mir eingeleuchtet.

Und dadurch, dass ich immer schon ein kommunikativer Mensch war und gesellschaftlich gerne tätig, hatte ich darüber gleich auch immer Funktionen und hab auch gut argumentieren können. Dann bin ich darüber in die FDJ gekommen, über den Pionierrat. Und in die Partei. Und so bin ich meinen Weg gegangen. Und hab mich nicht beirren lassen von den Fehlern, die wir gemacht haben. Die zwar schmerzvoll waren – ich hab Jahre gebraucht, um nicht zu weinen, wenn bestimmte Themen angesprochenen wurden, weil ich manchmal nicht wahrhaben wollte, was wir für Schwächen hatten, und bin trotzdem dabei geblieben, weil ich weiß, dass der Marx recht hat. Dass dieses System keine Zukunft hat. Und ich freue mich, dass ich bei dem Experiment dabei war. Es ist zwar schiefgegangen – leider – aber es war halt zu schwach. Deshalb konnten die anderen es auch gut killen. Etwas kann ja auch eher gekillt werden, wenn etwas schwach ist. Und diese Schwächen haben wir selber nicht so gesehen. Wir haben uns überschätzt, wir haben gedacht wir wären stärker.
Nächstes Mal wird’s besser.

POSITION: Na, wir arbeiten dran!

Ellen: Genau, und dafür brauchen wir euch! Die Jugend! Also wenn ich mir vorstelle, 50 Jahre war ich aktiv, aber irgendwie wird man auch müde und verleugnet sich zwar nicht, auf keinen Fall, aber ich habe nicht mehr die Kraft. Und da müsst ihr jetzt ran. Ihr seid jung und habt auch wieder andere Ideen und das ist auch gut so.

POSITION: Obwohl du ja so sehr hinter der DDR stehst, bist du umgesiedelt in die BRD. Warum war das denn der Fall?

Ellen: Das war nicht aus politischen Gründen, sondern weil der Vater von Ronald drüben gelebt hat. Und ich hatte immer das Gefühl, ich muss dem Kind einen Vater geben und ich hab den Mann auch geliebt. Wollte mehr Kinder mit ihm. Und ich muss auch sagen, als der 13. August ’61 kam, also die Mauer gebaut wurde, hatte ich das Gefühl, jetzt haben mir andere das Problem abgenommen, weil ich nie richtig wusste, wie mach ich’s richtig. Geht mein Privatleben vor, also meine Wünsche, meine Gefühle, oder muss ich nicht in meinem Land bleiben und am Aufbau mithelfen? Das hat mich viel Kraft gekostet. Sodass der 13. August erstmals eine Art Ruhe reingebracht hat.

Ich hab gedacht: gut, jetzt sehe ich ihn vielleicht nicht wieder. Aber ich hab gespürt, dass es für mich eigentlich ganz gut war, ich war beruhigt. Dann bin ich aber doch rüber gegangen, weil er über so eine Fluchthelfergesellschaft die Gelegenheit hatte, für ‘nen Haufen Geld, uns zu holen. Dann hab ich’s mir auch nicht leicht gemacht. Dennoch habe ich mich für meine privaten Gefühle entschieden. Was man nicht unbedingt nachvollziehen muss, aber es war halt so.

POSITION: Und was hat dich dabei am meisten geschmerzt?

Ellen: Das ich nicht mehr teilhaben konnte. Am weiteren Verbessern der Situation. Dass ich das, was selbstverständlich war, aufgeben musste. Ich kannte ja die Verhältnisse, die im Westen herrschten, zwar nur aus Berichten oder aus dem Unterricht, aber ich wusste das da vieles – gerade was Soziales, Bildungsmäßiges und Gesundheitliches anbelangte – bei uns gut war. Und dass ich das jetzt verlassen muss und diese Ungewissheit, in welche Verhältnisse mein Kind kommt, wie es im Westen aufwachsen würde, das war für mich fast bedrohlich. Und trotzdem hab ich’s gemacht.

Mit dem Wissen von heute würde ich’s nicht mehr machen. Doch damals konnte ich nicht anders und dazu stehe ich. Es gab damals viele aus meinen Reihen, die das nicht verstanden haben und auch heute gibt es noch welche. Aber das ist nun keine frage mehr. Ich hab’s getan und das bin ich.

POSITION: Und Ronald? Warum ist er wieder zurückgegangen? Waren dass die Gründe weshalb er generell rüber gegangen ist? Was war da sein Interesse?

Ellen: Er kannte die DDR ja nur als kleines Kind, bis 6. Da kriegst du ja nicht viel mit. Und dann hat er studiert in Leipzig und hat den Alltag kennen gelernt. Und dann hat er während der 3 Studienjahre gesehen, dass das Anliegen der sozialistischen Idee so gut ist, dass er dabei sein wollte, sie immer weiter zu verwirklichen. Obwohl er wusste, dass er ihnen zu radikal ist. Aber das ging ihm nicht unbedingt um dieses Persönliche. Er wollte einfach dabei sein. Das war die eine Seite. Die andere Seite war, dass er in einer gesicherten Position dort arbeiten konnte. Obwohl er nicht veröffentlicht werden würde, wusste er, dass er dort produzieren kann und dass er ein Recht auf Arbeit hat ein Recht auf eine Arbeitsstelle. Was es ja einfach im Westen nicht gab und auch nicht gibt.

POSITION: Wie kam es denn überhaupt, dass der Ronald den Kommunismus für vernünftig befunden hat?

Ellen: Also der Anfang bin sicherlich ich. Ich war ja seine Bezugsperson und er hat mitbekommen wenn ich von der DDR gesprochen habe. Da sind Lügen über die DDR erstmal abgeprallt. Und ich habe ihm Bücher aus der DDR kommen lassen.

Und ich habe ausschließlich gute Literatur gelesen und er auch. Ich war immer bemüht, ihn keinen Kitsch lesen zu lassen oder keine oberflächlichen Dinge. Und er kannte meine Einstellung und hat die sicherlich als Kind erstmal für wahr befunden. Die Umwelt formt ja den Menschen. Aber jetzt kam ja die Schule dazu. Und es hätte durchaus sein können, dass er eher den Lehrern geglaubt hätte, so wie es mir mit meinen Eltern gegangen ist. Und dass er mich nicht mehr ernst genommen hätte. Das ist aber nicht passiert.

POSITION: Was war denn das für Literatur, die er gelesen hat?

Ellen: Ich weiß zum Beispiel, dass er mit 14 schon den Faust gelesen hat. Ob er das alles verstanden hat weiß ich nicht. Aber mit Interesse hat er das gelesen. Er hat die ganzen Klassiker gelesen. Goethe, Schiller, und ich weiß noch, dass er mal aus dem Kinderbuchverlag der DDR mit acht ein Buch ab 12 gelesen hat. Meine Mutter hat ihm das aus der DDR mitgebracht hat. Als Geschenk. Und zwar waren das die Shakespeare-Stücke als Märchen für Kinder. Sodass er recht früh schon mit den Figuren von Shakespeare und mit der Stilart, mit Sonetten bekannt wurde. Und sich da literarisch, belletristisch, auch selber weiter gebildet hat. Er hat alles gelesen was ich hatte. Und ich hatte halt nie Schund. Immer gute Schriftsteller, ob das nun Hermann Kant war oder Brecht, ganz viel, oder Heym. So hat er sich auch geistig gebildet. Und hat sich nie davon abbringen lassen, hat nie irgendwelche schlechten Sachen gelesen. Natürlich mit Einschränkung – er hat auch mal die Bravo gelesen. Die geht ja an keinem vorbei. Und auch den Superman. Aber er ist eben nicht dabei geblieben.

POSITION: Und wie ist er schließlich zu SDAJ gekommen?

Ellen: Er hat da irgendwann Infomaterial gesehen und wusste gar nicht was das ist, brachte das mit und wir haben das zuhause gelesen. Und wir wussten gar nicht, dass es die DKP gab. Wir haben von den sogenannten 68er Jahren zum Beispiel gar nichts mitbekommen. Erstens mal waren wir in der Kleinstadt, da ist sowieso politisch null, und zweitens mal waren wir ja grade erst zwei Jahre drüben, da hatten wir andere Sorgen. Diese Enttäuschung, den Vater doch nicht zu bekommen und doch keine Familie zu bekommen, die war gegenwärtig. So das wir uns versucht haben, den Alltag so schön wie möglich zu machen. Da hat uns die Umwelt gar nicht gekümmert.

POSITION: Und wie war sein Verhältnis zur SDAJ?

Ellen: Er ist ja recht früh in die SDAJ eingetreten, mit 16, und brachte immer Material mit nach Hause, ist auch ein halbes Jahr später in die DKP eingetreten.

Auf der einen Seite war er froh, Leute kennen zu lernen, die so denken wie er. Jugendliche die so sind wie er. Die Kritik war, dass man mit seinem Schwulsein nicht zurecht gekommen ist. Das war ein Konflikt für ihn, dass ein Jugendverband oder ein Partei, die ja doch sehr offen ist, aber an manchen stellen so blöd. Das hat ihn enttäuscht. Einen hat er kennengelernt, der auch beides war, Kommunist und schwul. Die haben sich dann viel unterhalten. Aber sonst war das ein Tabu-Thema. Das war dann ’76. Da redete man nicht offen darüber.

Und was auch seine Kritik war: Er hat früh gemerkt, dass er gern schreibt. Einmal hatte er sich für ein Poeten-Seminar in der Karl-Liebknecht-Schule angemeldet. Und das fanden die Genossen aus der Gruppe da nicht so wichtig. Und erst viel später haben sie mir mal gesagt, nach Ronalds Tod, sie haben den Ronald damals nicht verstanden. Warum wissen sie selber nicht. Für die kamen nur politische Themen infrage und das war auch sehr befremdlich für Ronald und mich. Denn wenn es solche Themen doch schon angeboten gibt, dann muss man doch damit rechnen, dass sich jemand dafür meldet?! Das waren so ein paar Widersprüche. Aber wie das so ist, die Grundlinie stimmte. Und er ist auch immer dann dabei geblieben. Und er hatte immer Kritik, war immer einer von denen, die gerade raus ihre Meinung gesagt haben. In dem Bestreben, dass es besser wird. Dass man mehr zu sich steht und fähiger wird.

POSITION: Was hat er denn immer so gemacht, hatte er bestimmte Funktionen?

Ellen: Der war immer aktiv. Im Redaktionskollegium etwa. Da war er schon in der sechsten Klasse. Die anderen waren alle so elfte, zwölfte. Da war er schon dabei die Schülerzeitung mitzugestalten. Und da hab ich auch heute noch einige Artikel.

Und später war er in der DKP auch im Gruppenvorstand, da hat er auch die Zeitung für Hannover gemacht. Es war immer sein Bestreben, sich zu äußern. Nicht einfach nur als Parteimitglied rumzusitzen und zuzuhören, was da vorne jemand verkündet, sondern er wollte immer mitmachen. Aktiv sein. Und da ihm das Schreiben lag, liegt es ja nahe, dass einer sich da betätigt. Er konnte gut formulieren. So war er eben auch im Gruppenvorstand, der hat immer aktiv mitgewirkt und kritisiert. Und das ist so geblieben. Bis zu seinem Tod.

Und „die tage in l.“ steckt voller Kritik. An der DDR. Obwohl er die geliebt hat. Aber er hatte eben diese Kritik. Sodass nicht mal das in der DDR veröffentlicht werden konnte. So blöd war man damals. Also sein Mentor, der Leiter des Literaturinstituts in Leipzig war, der hat immer gesagt: „die tage in l.“ müsste in die Schulen der DDR. Das hat niemand gemacht. Und so ist es auch wieder im Westen verlegt worden.

POSITION: Wie war das mit den anderen Werken?

Ellen: „legende“ hat er vier Wochen vor seinem Tod noch fertig gestellt. Und da haben Thomas Keck, sein Lebenspartner und ich auch acht Jahre gebraucht, denn wer verlegt schon 600 Seiten über was, wo es auch wieder um Ost und West geht. Auch noch verpackt in so ‘ne Engelsgeschichte. Das war nicht einfach. Dann hat der Thomas Keck viele Artikel, die schon veröffentlicht waren oder die auch im Nachlass herausgesucht wurden als „Königin im Dreck“ herausgegeben.

POSITION: Also war Ronald auch anders publizistisch tätig?

Ellen: Ja, der hat sich Geld verdient als Journalist. Einmal um sich zu äußern und natürlich auch um Geld zu verdienen. Muss man ja. Und da ist in den linken Zeitungen immer wieder was von ihm gewesen. Ich weiß nicht wie viel insgesamt.

Und dann ist die „Irene Binz“ jetzt erst rausgekommen, zum 50. Geburtstag. Die ist er damals auch nicht losgeworden. Da hat er damals auch eine Kunstform raus entwickelt, in Blankversen. Das findet man in der „legende“. Das ist darin ein bisschen untergegangen. Die liest sich auch so schon nicht leicht.

POSITION: Zu welchem Werk würdest du jetzt im Moment als erstes greifen?

Ellen: „legende“. Weil das so vielschichtig ist. Obwohl ich das ja mindestens drei Mal lesen musste. Ich hab’s ja mit korrigiert. 2 Mal. Da hab ich manches nicht verstanden. Heute ist das so ein Buch für den Nachttisch. Das kann man aufschlagen wo man will, man kann zu jedem Thema was finden. Ob das eine Erzählung ist oder ein Märchen oder Interviews, oder einfach subjektive Aussagen. Das ist wirklich wie eine Bibel, so hat der Ronald das auch geschrieben. Der hat sie auch zweispaltig geschrieben. Du schlägst es auf und liest dich fest. Und wenn dich was nicht so interessiert, dann blätterst du weiter und du stößt hundertpro auf eine Stelle die dich interessiert. Über die du nachdenken kannst. Und das ist das schöne daran. Sein Opus Magnum, sein großes Werk.

POSITION: Zum Festival der Jugend: Wir sind sehr froh, dass du unsere Einladung angenommen hast!

Ellen: Also, ich bin hochbeglückt! Also muss ich dir wirklich sagen, ich hab mich riesig gefreut als du angerufen hast. Darüber, dass ihr, die ihr meine Enkel sein könntet, dass ihr Interesse habt an mir und an meiner Generation und an dem was wir so erlebt haben. Freu ich mich.

Das Interview führte:
Lea, Essen

Ja, es gibt jetzt wieder eine SDAJ-Gruppe in Tübingen. Mehr dazu bald hier…

Zu erreichen sind wir unter: kontakt@tuebingen.sdaj-bawue.de